L’auteur
Joseph Schacht, d’origine allemande, fut professeur d’arabe et d’islamologie à l’Université de Columbia à New-York. Spécialiste de droit musulman, ses ouvrages restent encore aujourd’hui des références dans ce champ d’étude.
Préface
Die hier dargebotene Auswahl religiöser Quelleiitexte des Islam erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Daß der Qor’än mit Absicht weg- gelassen ist, kommt schon im Titel zum Ausdruck. Seine Ausscheidung war notwendig, um Raum für Urkunden der späteren Geschichte des Islam zu gewinnen, und ohne weiteres möglich, Weil von ihm genügende, z, T. vorzügliche deutsche Übersetzungen, vollständig und in Auswahl, vorliegen. Auch sonst habe ich Texte, von denen es zuverlässige deutsche Übersetzungen gibt, nicht noch einmal wiedergegeben. Solche Übersetzungen, die als Er- gänzung dieser Zusammenstellung in erster Linie in Betracht kommen, sind in den Literaturangaben namhaft gemacht. Doch auch für sich allein hofft diese Auswahl ein alles Wesentliche umfassendes Bild der religiösen Ent- wicklung des sunnitischen Islam seit dem Tode des Propheten zu geben, soweit sie sich in zur Übersetzung geeigneten Dokiimenten ausprägt. Dabei habe ich mich bemüht, innerhalb des zur Verfügung stehenden Rahmens die für den Islam als Religion charakteristischen Seiten besonders hervor- treten und auch die modernen Strömungen hinreichend zu Worte kommen zu lassen. Von den Sekten wurden nur die Sfiten insofern berücksichtigt, als sie die Entwicklung des sunnitischen Islam zu beleuchten geeignet sind ; doch habe ich von dem als Vertreter der mu’tazilitischen Dogmatik auf- genommenen al-’AUäma al-Hüli (Nr. 13) auch noch wenigstens das kurze Kapitel über das Imämat, das sfitische Grunddogma, wiedergegeben.
Die Anordnung des Stoffes in Kapiteln entspricht jener, die sich für die Behandlung des Islam wiederholt bewährt hat ; ihrer praktischen Brauch- barkeit mögen einige inhaltliche Überschneidungen zugute gehalten Werden. Den Grundstock des ersten Kapitels über die Tradition bildet die Aus- wahl der 40 religiös bedeutsamsten Traditionen, die ein islamischer Gelehrter vom Range des an-Nawawi getroffen hat und die hier in extenso wieder- gegeben ist ; diese Sammlung ist zugleich ein Dokument der islamischen Frömmigkeit des 7. = 13. Jahrhunderts und spielt bis zur Gegenwart für das religiöse Bewußtsein vieler Muslims eine bedeutende Rolle. Ergänzt wird ihr Inhalt durch Traditionen, die ich selbst aus den kanonischen Samm- lungen ausgewählt habe, darunter die klassischen Berichte über das religiöse Leben des Propheten selbst. Weitere Traditionen über den Propheten stehen bei Qädi ’Ijäd (Nr. 51). Das religiöse Gesetz ist vertreten durch die Behandlung des grundlegenden Prinzips des Konsensus der islamischen Ge- meinde seitens as-Säfi’is, des Begründers der islamischen Rechtswissenschaft, und das Kapitel über die Beschaffenheit des rituellen Gottesdienstes aus eiaem Werk al-Gazälis, das einen der HöhepTinkte ihrer Systematisierung darstellt, tjber die erkenntnistheoretische Grundlage des göttlichen Ge- setzes handelt al- Bagdad ! (Nr. 17, Kap. 9, Frage 14). An der Spitze der Urkunden zur Dogmatik steht die von Professor Wensestck rekon- struierte echte älteste Gestalt des Glaubensbekenntnisses des Abu Hanifa, deren charakteristischer Zug die Hinstellung polemischer Sätze gegen die Sekten ist. Von Ahmad ibn Hanbai, dem Typ Tind Vorbüd der jeder dog- matischen Spekulation abgeneigten Altgläubigen, habe ich die Aussprüche über dogmatische Fragen aus einer Handschrift der Sammlung Taimür Pascha in Kairo exzerpiert ; ein späterer Anhänger dieser Richtung kommt mit Ahmad Guläm Halil zu Worte. Ebenfalls aus einer Handschrift der Sammlung Taimür Pascha sind die Abschnitte aus dem Werk von Ibn Huzaima, einem Vertreter der alten Anthropomorphisten, entnommen. Die mu’tazüitischen Stücke werden eingeleitet durch die Lehren eines der be- deutendsten Mu’tazüiten, des an-Nazzäm ; der Tatsache, daß sie aus einer antimu’taziHtischen Streitschrift exzerpiert werden mußten, ist durch die Hinzufügung der Verteidigung an-Nazzäms durch den späteren Mu’tazüiten al-Haijät, soweit sie sachlich Neues bringt, Rechnung getragen worden. Weitere Vertreter der Mu’tazila sind der alte zaiditische Imäm al-Qäsim ibn Ibrahim und der spätere imämitische Dogmatiker al-’"Alläma al-Hilli. Endlich wird die Zusammenfassung der Lehre der Mu’taziUten über die Einheit Allahs von al-As’ari geboten, der sich, obgleich er sich aus einem Anhänger zu einem Gegner der Mu’tazüiten entwickelt hat, dm:ch strengste Objektivität auszeichnet. Als Gegenstück ist die Lehre des anti-mu’tazi- litischen Dogmatikers ’Abdallah ibn Kulläb über die Namen und Eigen- schaften Allahs, ebenfalls nach al-As’ari, aufgenommen Worden. Daneben halte man die Lshre des Mystikers Ibn Masarra (Nr. 33). Das Glaubens- bekenntnis des al-As’ari selbst ist zwar aus der Auseinandersetzung mit den Mu’"taziliten entstanden, bedeutet aber die Rückkehr zu der Lehre der Alt- gläubigen vom Typ des Ahmad ibn Hanbai. Die Synthese aus ihr und den Denkformen der Mu""taziliten ist erst das Werk der as’aritischen Schule, als deren Vertreter al-Bagdädi gewählt wurde ; seine Angaben über die dog- matische Richtung der Qadariten, einen Vorläufer der mu’tazilitischen, zeigen zwar bereits den schematisierenden Zug der späteren doxographischen Literatur, für die sein Werk typisch ist, können aber in diesem Falle für die fehlenden Originaldokumente eintreten. Al-Gazäli bezeichnet die Durch- dringung der Dogmatik mit religiös-ethischen Gesichtspunkten und zugleich einen der Höbepunkte der dogmatischen Entwicklung des Islam überhaupt. Die letzte Entwicklungsstufe nach, ihm ist das Eindringen der islamischen Philosophie in die Dogmatik, wie bei an-Nasafi. Einen Rationalisierungs- versuch der orthodoxen Dogmatik mit apologetisch-reformierender Tendenz stellen endlich die Lehren des ägyptischen Modernisten Scheich Muhammad ’ Abdu (Nr. 60) dar. Der Hauptteil des Kapitels über die Mystik, Ethikund Frömmigkeit wird von einer Reihe bedeutender Mystiker von al-Hasan al-Basri an bis hin zu ’Abdalkarim al-drili eingenommen. In der Auswahl dieser Abschnitte konnte ich mich an Massignons Recueil anschließen, der von seinem Herausgeber bezeichnet wird als „un ensemble d’analecta, methodique- ment presentes aux islamisants, et permettant d’envisager d’un seul coup d’oeil, au moyen de textes originaux et caracteristiques . . . Thistoire generale du mysticisme musulman". Ich habe aus dem von Massignon gebrachten Stoff eine Auswahl des Wichtigsten getroffen und sie durch umfangreichere Texte von al-HaUäg, al-Gazäli und al-öili sowie kürzere Abschnitte einiger anderer Autoren ergänzt. Absichtlich ausgeschlossen wurde — bis auf eine iahaltKch Wichtige kurze Probe von öaläl ad-Dia Rümi — die persische und türkische mystische Dichtung, deren Hauptreiz und -wert in ihren poetischen Schönheiten liegt, die in einer Prosaübersetzung nicht zum Aus- druck kommen können, während sie verschiedentlich gelungene dichterische Umschmelzungen in europäische Sprachen erfahren haben. Der bedeutende Hanbalit Ibn al-öauzi bekämpft von seinem Standpunkt des ethischen Tra- ditionalismus aus das, was ihm besonders in der Mystik, aber auch auf den anderen Gebieten des islamischen Lebens als Abweichung von der Alt- gläubigkeit erscheint ; diese seine reformatorische Tendenz verbindet ihn mit den im folgenden Kapitel vorgeführten Autoren. Ihren Gipfel erreicht die islamische Ethik mit al-Gazäli durch die Verbindung von traditioneller Gesetzhchkeit mit mystischer VerinnerHchung ; da umfangreiche Teile seines Hauptwerkes, die auch Einzelnormen enthalten, zuverlässig übersetzt sind, wurden hier Texte von ihm aufgenommen, die seine Grundeinstellung veran- schaidichen. Die RoUe des Propheten in der islamischen Erömmigkeit wird unter den Mystikern besonders durch al-Halläg (Nr. 32) und al-Öili (Nr. 49), für eine andere Ebene durch das sehr bekannte Erbauungsbuch des Qädi ’Jjäd illustriert. Zur Charakterisierung der späteren islamischen Frömmigkeit endlich soUen die Gebete aus dem Weit verbreiteten Gebetbuch des al-öazüli dienen. Die Unterscheidung zwischen Reformatoren und Modernisten ist nur eine relative, gleichwohl durch die entgegengesetzte Blickrichtung und die wesentHch verschiedene Akzentverteüung in beiden Bewegungen innerlich berechtigt. Jene, die Fortsetzer des alten Traditionalismus, finden ihren ersten großen Vertreter in Ibn Taimija, zu dem as-San’äni eine inter- essante Parallele bildet. An Ibn Taimija knüpft die Bewegung der Wahhä- biten an, deren verschiedene Phasen sich in den drei wiedergegebenen Doku- menten ausprägen. Unter den Modernisten ist die indische Richtung die älteste ; der im Grunde apologetisch-tendenziöse Syed Ameer Ali einerseits und der zu religionswissenschaftlicher Erkenntnis fortschreitende Elhuda Bukhsh andererseits verkörpern ihre beiden Aspekte. Innerhalb der ägyp- tischen Richtung vertritt Scheich Muhammad "Abdu einen konservativen Standpunkt, der sich nur zu den notwendigsten Konzessionen herbeiläßt ; ’Ali ’Abdarräziq verwirft zwar die Ergebnisse der überkommenen rehgiösen Gesetzeswissenschaft, bleibt aber in den Grundlagen und Methoden seiner Argumentation durchaus bei ihr stehen ; und Tähä Husain will die euro- päische Methode auch auf Gebiete anwenden, die im Islam bisher als Domäne der traditionellen rehgiösen Wissenschaften galten. Da von den beiden Rich- tungen der türkischen Modernismus, der „islämistischen" und der „natio- nahstischen", Übersetzungen umfangreicherer Texte vorhegen, konnte ich mich auf das noch nicht übersetzte Programm des Hauptvertreters der letzteren beschränken.
Diese kurze Charakterisierung der hier vereinigten Texte soll ledigHch die Brücke zu den bekannten Darstellungen der Geschichte des Islam schlagen, deren Benutzung durch den Nicht-Islämisten vorausgesetzt ist. Für ihn sind auch die kurzen Erklärungen der arabischen Termini technici bestimmt, die bei einmahgem Auftreten als Anmerkungen, bei mehrmaHgem ia dem alphabetisch angeordneten Anhang gegeben werden. Doch hoffe ich, auch dem Fachmann Neues zu bringen, sowohl durch die Aufnahme von Texten, die noch unveröffenthcht oder so gut wie unbekannt sind, wie auch durch Verbesserungen der bekannten, über die ebenfalls die Anmerkungen unter- richten ; auch glaube ich, an mehreren Stellen im Verständnis weiter ge- kommen zu sein als die Übersetzungen in andere Sprachen, die von einigen unter ihnen vorMegen. Es erübrigt mir noch, Herrn Professor WenSINCK für die Überlassung der von ihm rekonstruierten ältesten Gestalt des Glaubens- bekenntnisses des Abu Hanifa und Herrn Geheimrat Bertholbt für seine Hilfe bei der Korrektur herzKch zu danken und dem während der Über- setzung der aus seiner Sammlimg stammenden handschriftlichen Texte ver- storbenen Taimuk Pascha für diese letzte seiner vielen wissenschaftHchen Liberahtäten eia ehrendes Gedenken zu weihen.
Fr ei bürg i. Br., November 1930.
Joseph Schacht.
Table des matières
Vorwort V Literaturangaben XI
I. Die Tradition 1
1. Aus der Traditionssammlung des al-Buhäri 1 2. Aus der Traditionssammlung des Muslim 10 3. Aus der Traditionssammlung des Abu Däwüd 13 4. Die Traditionssammlung des an-Nawawi 14
II. Dasreligiöse Gesetz 25
5. Aus einer Sckrift des as-Säfi’i über die Quellen des religiösen Gesetzes . 25 6. Aus einem religionsgesetzlichen Werk des Abu Hamid al-Gazäli … 27
III. Die Dogmatik 35
7. Das Glaubensbekenntnis des Abu Hanifa 35 8. Aussprüche des Ahmad ibn Hanbai über dogmatische Eragen …. 36 9. Aus einer Schrift des Hanbaliten Ahmad Guläm Halil über die Sunna . 40 10. Aus einem dogmatischen Werk des Ibn Huzainaa 40 11. Lehren des Ma^taziliten Ibrahim an-Nazzäm nach Ibn ar-Rewendi . . 44 12. Aus einer Streitschrift des zaiditischen Imäm al-Qäsim ibn Ibrahim gegen die Manichäer 46
13. Aus einem Werk des Hasan ibn Jüsuf al-’AUäma al-HüIi über si’itische Dogmatik • 51 14. Zusammenfassung der Lehre der Mu’taziliten über die Einheit Allahs von al-As’ari 54 15. Die Ansicht des anti-mu’tazUitischen Dogmatikers ’Abdallah ibn KuUäb über die. Namen und Eigenschaften Allahs nach al-As’ari 55 16. Das Glaubensbekenntnis des al-As’ari 56 17. Aus einem dogmatischen Werk des al-Bagdädi 61 18. Aus einem dogmatischen Werk des Abu Hamid al-Gazäli 69 19. Das Glaubensbekenntnis des an-Nasafi 81
IV, Mystik, EthikundFrömmigkeit 87
20. al-Hasan al-Basri 87 21. Ibrahim ibn Adham 88 22. ’Abdalwähid ibn Zaid 89 23. Rabi’a 90 24. Rabäh al-Qaisi 90 25. Ahmad ibn ’Äsim al-Antäki 90 26. Pun-Nün al-Mi§ri 91 27. Härit al-Muhäsibi 93 28. Bäjazid al-Bistänu 95 29. Sahl at-Tustari 97 30. Abu Su’aib al-Muqaffa’ 98 31. al-Öunaid 98 32. al-Halläg 99 33. Ibn Masarra 106 34. Abu Bakr al-Wäsiti 107 35. al-Qurasi . 108 36. as-Sibli 109 37. an-Nasräbädi 110 38. al-Qusairi 110 39. al-Harawi al-Ansäri 111 40. Abu Hamid al-drazäli 111 41. Ahmad al-drazäli 115 42. Ibn al-Qasji 116 43. ’Abdalqädir al-Kiläni . 117 44. as-Suhrawardi 118 45. Ibn al-Färid 118 46. Ibn al-’Arabi 120 47. as-Sustari 123 48. Öaläl ad-Dln Rümi 123 49. ’Abdalkarim al-Öili 125 50. Aus einer ethischen Reformschrift des Ibn al-öau2ä 128 51. Aus einer Schrift des Qädi ’Ijäd über den Propheten 139 52. Aus einem Gtebetbuch des al-öazüli 144
V. Reformatoren . . 148
53. Aus einer Reformschrift des Ihn Taimija 148 54. Aus einem Sendschreiben des jemenischen Reformators Muhammad ibn Ismä’il as-San’äni 152 55. Muhammad ihn ’AbdalwaKhäb, der Stifter der Wahhäbiten : Erklärung des Bekemitnisses des Monotheismus 154 56. Aus einer von ’Abdallah, dem Sohne des Stifters, nach der Eiimahme von Mekka 1218 (= 1803) verfaßten programmatischen Schrift 153 57. Aus einem von Scheich Muhammad ihn ’Abdallatif aus der Familie des Stifters und von Scheich ’Abdallah ihn ’Abdal’aziz al-’Unquii verfaßten modernen Sendschreiben 165
VI. Modernisten 168
58. Aus : The Spirit of Islam, a History of the Evolution and Ideals of Islam, von Syed Ameer Ali (Saijid Amir ’Ali) 168 59. Aus : Essays, Indian and Islamic, von S. Elhuda Bukhsh (Hudä Bahs) 173 60. Aus der Schrift über das Bekenntnis des Monotheismus von Scheich Muhammad ’Abdu 176 61. Aus : Der Islam und die Prinzipien des Staates, Untersuchvmg über Kalifat und Regierung im Islam, von ’Ali ’Abdarräziq 183 62. Aus : Tähä Husain, Über die Literatur der (arabischen) Heidenzeit . . 185 63. Aus : Die Grundlagen des Türkismus, von Ziya Gök Alp 188 Erklärung arabischer Termini technici 190 Register 192


